Renegade beerdigt Essence20: Transformers & Co. auf D&D 5.5E
Renegade stellt sein Essence20-System ein: Transformers, G.I. Joe und Power Rangers erscheinen neu auf Basis von D&D 5.5E. Was das für DACH bedeutet.
Renegade Game Studios zieht einen Schlussstrich unter sein eigenes Rollenspiel-System. Auf der Renegade Con 2026, im Livestream vom 12. Juni, kündigte der US-Verlag an, dass die zweiten Editionen seiner Hasbro-Lizenzspiele Transformers, G.I. Joe und Power Rangers künftig nicht mehr auf dem hauseigenen Essence20-System laufen, sondern auf D&D 5.5E, also dem 2024 überarbeiteten Regelwerk von Dungeons & Dragons. Das hauseigene System, das diese Marken seit 2021 trug, wird damit eingestellt.
Für den deutschsprachigen Raum ist das kein reines US-Branchengeplänkel. Es zeigt, wie konsequent Hasbro seine Marken auf das eigene Zugpferd D&D ausrichtet, und es betrifft eine DACH-Community, die diese Spiele bislang ohnehin auf Englisch spielen musste. Die Umstellung läuft über Crowdfunding, das auch hierzulande erreichbar ist.
Was ist passiert?
Laut übereinstimmenden Berichten von EN World, TechRaptor und Tabletop Sentinel verkündete Renegade auf der Renegade Con, dass die nächste Generation seiner Action-Rollenspiele auf einer angepassten Fassung von D&D 5.5E aufbaut. Die Reihenfolge steht bereits: Zuerst kommen Transformers und G.I. Joe, deren Crowdfunding-Kampagnen laut Verlag in den nächsten Monaten über die Plattform BackerKit starten sollen. Power Rangers folgt zu einem späteren Zeitpunkt mit einer eigenen Kampagne. Zu den Grundregelwerken sind jeweils Starter Sets geplant.
Bestehende Spielrunden lässt Renegade nicht im Regen stehen: Für die vorhandenen Essence20-Inhalte soll es einen kostenlosen Konvertierungsleitfaden geben, der später über den Renegade-Webstore bereitsteht und alte Inhalte auf das neue Regelwerk überträgt.
Nicht erwähnt wurden im Stream zwei weitere Essence20-Titel: das My-Little-Pony-Rollenspiel und das auf dem Podcast basierende Welcome to Night Vale. TTRPG Insider weist darauf hin, dass insbesondere zu My Little Pony keine Ankündigung fiel. Beide Linien waren schlicht nicht Teil der Präsentation, ihr Status bleibt vorerst offen.
Was war Essence20, und worin liegt der Unterschied zu D&D 5.5E?
Essence20 war Renegades Versuch, ein eigenes, leicht zugängliches d20-System zu etablieren. Im Kern würfeln Spielende einen W20 und legen einen Fertigkeitswürfel obendrauf, dessen Größe vom Trainingsgrad abhängt und von einem W2 bis hinauf zum W20 reicht. Wer auf eine Fertigkeit spezialisiert ist, würfelt den Fertigkeitswürfel und alle kleineren Würfel darunter und behält das beste Ergebnis. Vorteile und Nachteile, in Essence20 Edges und Snags genannt, funktionieren ähnlich wie die Advantage-Mechanik aus D&D. Charaktere stützen sich auf vier Essenzen: Stärke, Tempo, Verstand und Soziales. Klassische Rettungswürfe, wie sie D&D kennt, gibt es im System nicht.
Am Spieltisch machte sich das durchaus bemerkbar. In Community-Diskussionen, etwa bei EN World, wird Essence20 ein vergleichsweise flaches Trefferpunkte-Gerüst und ein ausgeprägter Fokus auf Fernkampf zugeschrieben, in dem auch nicht spezialisierte Figuren zielsicher schießen. Gefechte fühlten sich dadurch tendenziell tödlicher und beweglicher an als der klassische D&D-Nahkampf, in dem Charaktere über viele Runden Treffer wegstecken. Genau diese Eigenheit geben Essence20-Runden mit dem Wechsel auf.
Der Wechsel zu D&D 5.5E ist damit mehr als ein Etikettentausch. Statt der charakteristischen Kombination aus W20 plus skalierendem Fertigkeitswürfel greift Renegade künftig auf die vertraute D&D-Logik aus W20 plus Modifikator, Rettungswürfen und dem 2024 überarbeiteten Klassen- und Regelgerüst zurück. Für Tabletop-Veteranen senkt das die Einstiegshürde an einer Stelle, weil das Grundgerüst bereits Millionen Spielenden weltweit vertraut ist. Ganz ohne Kehrseite ist der Tausch aber nicht: D&D 5.5E bringt für schnelle Action-Lizenzen auch mehr Regelballast mit als ein eigens dafür gebautes System, und Fans des eigenständigeren Essence20-Ansatzes verlieren ein Regelwerk, das sich bewusst von D&D abgesetzt hatte.
Warum der Wechsel, und was hat Hasbro damit zu tun?
Die offizielle Begründung lieferte Renegade laut EN World und Bell of Lost Souls über den hauseigenen Discord nach: Die Verkaufszahlen von Essence20 reichten nicht aus, um weitere Veröffentlichungen auf dieser Basis zu rechtfertigen. Der Wechsel ziele auf ein Modell, das neue Spielende leichter gewinnt. Auf Deutsch: Ein System, das jeder im Hobby ohnehin schon kennt, verkauft sich leichter als eine Eigenentwicklung, die erst erklärt werden muss.
Dahinter steht der Konzern. Transformers, G.I. Joe und Power Rangers sind allesamt Hasbro-Lizenzen, und Hasbro ist zugleich Mutterkonzern von Wizards of the Coast und damit von Dungeons & Dragons. Hasbro-Chef Chris Cocks hatte sich öffentlich für mehr D&D-Crossover über die Markengrenzen hinweg ausgesprochen. Ein Detail nährt den Verdacht, dass die Weichen früh gestellt wurden: Im 3D-Tabletop Sigil, das zu D&D Beyond gehört, tauchte bereits Optimus Prime auf. In den EN-World-Kommentaren wird daraus geschlossen, dass die Pläne schon seit Anfang 2024 in der Schublade lagen. Eine künftige Anbindung der neuen Editionen an D&D Beyond liegt damit nahe, auch wenn Renegade dazu noch nichts Konkretes verkündet hat.
Was bedeutet das für DACH-Spielende?
Hier wird es für den deutschsprachigen Raum interessant, gerade weil eine naheliegende Erwartung enttäuscht wird: Offizielle deutsche Ausgaben der drei Renegade-Rollenspiele gab es nie. Weder Transformers noch G.I. Joe noch Power Rangers erschienen auf Deutsch, und kein deutscher Verlag hat die Essence20-Linie lokalisiert. Selbst die deutschsprachige Rollenspielpresse, etwa PnPnews, berichtete über die englischen Originalausgaben. Wer diese Spiele in DACH gespielt hat, tat das auf Englisch.
Genau deshalb trifft der Systemwechsel die hiesige Community an einer anderen Stelle als in den USA. Erstens ist das gemeinsame Regelfundament jetzt D&D, und D&D 5E ist auch im DACH-Raum das mit Abstand dominierende Rollenspiel, mit breit verfügbarem deutschsprachigem Grundwissen, unzähligen Spielrunden und einem riesigen Pool an Material. Eine deutschsprachige Gruppe, die Transformers ausprobieren möchte, muss künftig kein verlagseigenes System mehr lernen, sondern setzt auf vertraute D&D-Grundlagen auf. Das senkt die Einstiegshürde, auch wenn die Renegade-Bücher selbst weiter auf Englisch erscheinen dürften.
Zweitens läuft die Finanzierung über BackerKit, und Crowdfunding ist für DACH-Backer grundsätzlich erreichbar, wie zuletzt Renegades BackerKit-Erfolg mit Dungeon Crawler Carl zeigte. Praktisch heißt das für hiesige Runden aber auch: Bis die Kampagnen in den kommenden Monaten starten, bleibt nur der englische Import der bestehenden Ausgaben, und ein Termin für einen regulären Handelsvertrieb der zweiten Editionen ist offen. Wer eine Kampagne unterstützt, sollte zudem Versandkosten und mögliche Einfuhrabgaben einkalkulieren, wie bei US-Crowdfunding üblich. Drittens ist der kostenlose Konvertierungsleitfaden auch für hiesige Bestandsrunden relevant: Wer Essence20-Material besitzt, kann es laut Verlag später auf das neue Regelwerk übertragen, ohne bei null anzufangen.
Einordnung
Der Schritt fügt sich in ein Muster: Hasbro bündelt seine Marken rund um sein mit Abstand profitabelstes Tabletop-Zugpferd. Aus Verlagssicht ist die Logik nachvollziehbar, ein etabliertes Regelwerk verkauft sich leichter als eine Nischenentwicklung, und ein gemeinsamer Systemunterbau eröffnet Crossover- und Digitalpotenzial bis hinein in D&D Beyond. Das ist die wirtschaftlich rationale Lesart.
Es gibt aber auch eine Kehrseite, und sie ist Einordnung, keine gesicherte Tatsache: Mit Essence20 verschwindet ein System, das bewusst eigene Wege ging, vom skalierenden Fertigkeitswürfel bis zum eigenen Tempo am Spieltisch. Mehr Vereinheitlichung auf D&D-Basis bedeutet zwangsläufig weniger mechanische Vielfalt am oberen Ende des lizenzierten Marktes, und die vielzitierte niedrigere Einstiegshürde gilt vor allem für Neulinge, nicht zwingend für Essence20-Veteranen, die ein vertrautes System gegen ein regelschwereres tauschen. Für DACH-Spielende überwiegt unter dem Strich aber wohl der pragmatische Gewinn: vertrautes Fundament, erreichbares Crowdfunding und ein Konvertierungspfad für vorhandene Inhalte. Den nächsten echten Prüfstein liefern die Transformers- und G.I.-Joe-Kampagnen auf BackerKit. Erst dort zeigt sich, ob das neue Modell tatsächlich die neuen Spielenden anzieht, mit denen Renegade den Wechsel begründet.
Offenlegung: keine Zuwendungen. Der Beitrag stützt sich auf den öffentlich zugänglichen Renegade-Con-Stream und die Berichterstattung der verlinkten Fachpublikationen. Wörtliche, autorisierte Renegade-Originalzitate lagen nicht vor; die Verlagsbegründung ist als Discord-Aussage von EN World und Bell of Lost Souls dokumentiert und hier paraphrasiert wiedergegeben.