J-TAN: Japans Brettspielbranche startet Förderprogramm
Japanische Brettspiele erobern seit Jahren die Welt, von Love Letter bis Machi Koro, und trotzdem fehlt der Branche nach eigener Einschätzung der Nachwuchs für genau dieses Geschäft. Arclight, einer der größten Verlage und Vertriebe für Tabletop-Spiele in Japan, startet deshalb zusammen mit zwei Partnerfirmen und mit Geld der japanischen Kulturbehörde ein zweijähriges Förderprogramm namens J-TAN für rund zwanzig Spieleentwicklerinnen und -entwickler. Bewerbungen sind bis zum 30. November 2026 möglich.
Woher der Mangel kommt trotz der großen Erfolge
Dass es japanischen Spielen an internationaler Strahlkraft fehlt, kann man nicht behaupten. Arclights eigenes kooperatives Kartenspiel Ito hat nach Verlagsangaben weltweit mehr als eine Million Exemplare verkauft und ist inzwischen in elf Sprachen erhältlich. Der Verlag Oink Games hat sich mit Titeln wie Deep Sea Adventure und Scout einen festen Platz in Europa und Nordamerika erspielt, Scout stand sogar auf der Nominierungsliste zum Spiel des Jahres und bekam eine eigene Fassung für die US-Handelskette Target. Das Studio Saashi & Saashi erzielt eigenen Angaben zufolge rund 70 Prozent seines Umsatzes im Auslandsgeschäft. Welches Spielgewicht Arclight für die künftigen Exporte im Blick hat, sagen beide Quellen nicht: Ob J-TAN auch schwerere Kennerspiele für den Export vorbereiten soll oder beim bisherigen Muster leichter Party- und Filler-Hits bleibt, bleibt offen.
Genau hier sieht Arclight das Problem: Der große Erfolg einzelner Titel beruhe zu oft auf der Leidenschaft Einzelner und auf der Szene der Dōjin-Eigenverlage, während der Branche die „zentralen Fachkräfte“ fehlten, die eine Lizenz nach internationalem Standard verhandeln oder ein Spiel gezielt für den Export entwickeln können. Mit dem Programm „Japan Tabletop Advancement Network“, kurz J-TAN, will der Verlag diese Lücke systematisch schließen, statt auf den nächsten Zufallstreffer zu warten.
Drei Firmen, ein Konsortium, zwanzig Plätze
Getragen wird J-TAN von einem Konsortium aus Arclight, dem Verlag und Spielecafé-Betreiber Pizzicato Design und dem Fachhändler Hobby Base Yellow Submarine. Finanziert wird es über den „Creator Support Fund“ der japanischen Kulturbehörde, verwaltet vom Japan Arts Council, laut eigener Pressemitteilung ohne genannte Fördersumme oder feste Verkaufsziele.
Rund zwanzig Teilnehmende sollen über gut zwei Jahre, von Februar 2027 bis März 2029, ein Programm aus Seminaren in Tokio, Testspielrunden in den Läden der Partnerfirmen und mehreren Auslandsaufenthalten durchlaufen, bei denen sie ihre eigenen Spiele ausländischen Verlagen vorstellen. Teilnahme, Seminare und Reisekosten sind laut Arclight kostenlos, die Rechte an eingereichten und bereits bestehenden Werken verbleiben bei den Teilnehmenden. Voraussetzung ist unter anderem eine bereits laufende Ausstellungspraxis auf der Game Market oder vergleichbaren Veranstaltungen. Damit bindet sich das Programm an genau die Szene, die Arclight selbst als Grenze des bisherigen Systems beschreibt: Ob J-TAN wirklich neue Leute erschließt oder vor allem den bereits aktiven Game-Market-Talentpool professionalisiert, lässt die Pressemitteilung offen. Die Bewerbungsfrist endet am 30. November 2026, über die Auswahl wird Ende Januar 2027 per E-Mail entschieden.
SPIEL Essen als Bühne
Als Beispiel für die Auslandsstationen nennt Arclight in der Ankündigung ausdrücklich die SPIEL Essen, direkt im Untertitel der eigenen Pressemitteilung. Endgültig festgelegt sind die Reiseziele nach eigener Aussage noch nicht, als weitere Kandidaten kursieren laut dem Branchenmagazin BoardGameWire auch die UK Games Expo, die Gen Con und die GAMA Expo.
Zur Einordnung der Größenordnung: Arclight veranstaltet mit der Game Market selbst Japans größte Tabletop-Messe, die laut BoardGameWire im Oktober dieses Jahres an zwei Tagen 32.000 Besuche und einen Rekord von 1.425 Ausstellungsständen zählte, kleiner als die SPIEL Essen, aber kein Nischenevent. Dass der Verlag seit 2024 zum Medienkonzern Kadokawa gehört, der auch den Elden-Ring-Entwickler FromSoftware besitzt, dürfte das Interesse an einer professionelleren internationalen Aufstellung zusätzlich befeuert haben.
Was wir davon halten
Für uns ist das vor allem deshalb interessant, weil japanische Spiele auf dem deutschen Markt längst keine Randnotiz mehr sind: Pegasus Spiele bringt Love Letter schon seit 2013 auf Deutsch heraus, und Asmodee hat sich mit der Übernahme der Kuratierungsplattform Japon Brand und dem neuen Studio Nekuma gezielt Zugriff auf japanische Neuentwicklungen gesichert. Auch auf der SPIEL Essen 2026 liefen japanische Neuheiten in mehreren Hallen mit, wie unsere Übersicht zu den Herbstneuheiten von Huch! & friends zeigt. Wenn J-TAN tatsächlich eine Generation von Entwicklerinnen und Entwicklern hervorbringt, die von Anfang an für den Export und nicht nur für den heimischen Dōjin-Markt gestaltet, könnte das in zwei, drei Jahren auch hierzulande für mehr lokalisierte japanische Titel sorgen, vorausgesetzt, das Programm liefert tatsächlich die versprochene Exportreife: Eine Erfolgsgarantie dafür nennt die Pressemitteilung nicht.